Das Monster erwacht

Mit der raschen Wiedereröffnung der US-Wirtschaft brandet nun die befürchtete Inflationswelle heran. Durch neue Stimulus-Programme wird sie weiter aufgetürmt. Die meisten Investoren verschliessen immer noch die Augen vor der sehr realen Inflationsgefahr und flüchten sich in Fantasiegebilde. Vor  langer,  langer  Zeit  lebte  in  einem  fernen  Land  ein  gefährliches Monster,  vor  dem  alle  Angst  hatten. Während  Jahrzehnten  hatte  es das  Land  terrorisiert.  Bis  ein  grosser  Ritter  kam,  sich  tapfer dem  als unbesiegbar  geltenden Monster  stellte  und  es in  die  Flucht  schlug. Doch auch noch lange nach seinem Sieg über das Monster hatten die Leute Angst, dass es zurückkehren könnte und verhielten sich entspre-chend vorsichtig. Aber heute, wo sein Brüllen und Schnauben bereits deutlich zu hören ist,  glaubt  niemand  mehr  dran,  dass es  das  Monster  überhaupt  gibt. Denn dem Monster ins Angesicht zu blicken, würde gravierende Umstellungen  und drastische Massnahmen  erfordern. Also will  man  die Gefahr lieber  noch  etwas  verdrängen und  hofft,  dass sie  sich von selbst verzieht…Das  Monster,  von  dem  hier  die  Rede  war,  ist  natürlich  die  Inflation, welche noch in den 1970er Jahren teilweise jährlich zweistellig zulegte und die  Bevölkerung  und  die  Regierungeneinschüchterte.  Erst  dem 1979 ernannten Fed-Chef Paul Volcker gelang es, die Teuerung zurück-zudrängen,  in  dem  er  den  Leitzinssatz  auf heute kaum vorstellbare 20% erhöhte

Zweistellige  Inflationsraten  und  Zinsen?  Das  sind  für  die  meisten  Investoren  und  Entscheidungsträger  in  westlichen  Ländern  nur  noch  Sagen  aus  einer  längst  vergangenen Zeit: In lateinamerikanischen Bananenrepubliken vielleicht, aber bei uns doch nicht…Doch zahlreiche Preise legen derzeit zweistellig zu – und zwar nicht nur im Vergleich zum ersten Corona-Lockdown vor einem Jahr, als die Preise vorübergehend einbrachen. Sondern auch im Vergleich zum Vormonat März dieses Jahres, als die Wirtschaftserholung bereits voll angelaufen war: Die Preise für Bauholz sind allein im April um 50% gestiegen. Sie haben sich nun gegenüber  dem  Vor-Corona-Niveau  vervierfacht! Amerikanische  Importeure kaufen inzwischen den Holzmarkt in Europa leer.

Der Preis für Kupfer, das wichtigste Metall für Elektrifizierung und Bauindustrie, erreichte ein neues Allzeithöchst und hat sich mittlerweile verdoppelt gegenüber der Zeit vor dem Virus. Die  Preise  für  Getreide  wie  Mais,  Weizen  oder  Sojabohnen haben  gegenüber dem Vorkrisen-Niveau zwischen 50% und 100% zugelegt. Davon hängen auch die Fleischpreise ab: Der Preis für Geflügelfleisch hat sich in zwölf Monaten verdoppelt. Frachtraten für Container sind auf den höchsten Stand seit 2011 angestiegen. Sie haben sich gegenüber dem Vor-Corona-Niveau glatt verdreifacht und steigen derzeit weiter steil an. Die Preise für Gebrauchtwagen haben seit Jahresbeginn um 19% zugelegt und um 50% gegenüber dem Vorjahr. Bei Neuwagen gibt es wegen Chipknappheit weltweit Produktionsengpässe. Die  Liste  liesse  sich  beliebig  verlängern.
Bei Preisanstiegen auf so breiter Front in allen Rohstoffen können nicht mehr einzelne Versorgungsengpässe verantwortlich gemacht werden. Das ist ganz einfach Inflation. Auch die Löhne legen derzeit in den USA kräftig zu, da es den Unternehmen kaum noch gelingt, Arbeiter zu finden. Dank grosszügigen Bonuszahlungen der Biden-Regierung machen gemäss University of Chicago derzeit 42% der Arbeitslosen  mehr Geld  als  in  ihrem  alten  Job  und  haben  entsprechend  wenig  Laune,  wieder malochen zu gehen.
Nach einer Firmenumfrage des Dallas Fed sollen die Input-Kosten und Löhne dieses Jahr doppelt so stark steigen wie im Vorjahr, um rund 4.3% bis 5.5% Die Unternehmen berichten zudem, sie könnten ohne Probleme ihre Preise anheben, da die Kunden die Taschen und Konten voller Geld haben.

Ein Geldmengen-Zuwachs in dieser Grössenordnung wurde in den USA nur auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs 1942/43 erreicht. Die Inflation folgte postwendend, vor allem  mit  der  Aufhebung  der kriegsbedingten Restriktionen.  Der  «Krieg  gegen  den  Virus» löste eine ähnlich starke fiskalpolitische Reaktion der Regierungen aus,und es ist nur natürlich, dass mit der schrittweisen Aufhebung der Corona-Restriktionen nun die Preise auf breiter Front steigen. Mit weiteren Stimulus-Programmen soll zudem in den USA wie auch in Europa noch mehr Öl ins lodernde Feuer gegossen werden.

aus Quantex Werte, erschienen Mitte Mai  2021

HWM Urteil: Viele Investoren trauen der Erholung und den guten Kursen an den Märkten noch nicht. Dr. Jens Ehrhardt ist mit seiner Vermögensverwaltung im Jahr 1974 gestartet und promovierte noch im selben Jahr. In seiner Doktorarbeit zeigte er den Zusammenhang zwischen Geldmengenvermehrung durch die Notenbanken und der Börsenkursentwicklung. Seiner Meinung zufolge ist die Notenbankpolitik maßgeblich für die zukünftige Börsenentwicklung.
Wir beziehen die Sichtweise von Dr. Jens Ehrhardt seit vielen Jahren in unsere Anlagepositionierung ein.