Die Demokratisierung des geldes?

Vermögensverwalter Louis Höng von Höng Wealth Management in Stuttgart über Bitcoin als digitalen Inflationsschutz.

STUTTGART. Herr Höng, wie belastbar ist die These vom „digitalen Wertspeicher“?
Bitcoin ist der erste, auf eine maximale Anzahl von 21 Mio. Stück begrenzte, machtneutrale Wertspeicher, den wir als Gesellschaft überhaupt besitzen. Erst durch verschiedene andere technische Entwicklungen wie das Internet und bestimmte kryptografische Verschlüsselungen ließ sich ein dezentrales Zahlungsnetzwerk entwickeln, welches vollständig zensurresistent und ohne Vertrauensinstanz funktioniert. Das Bitcoin-Netzwerk startete im Jahr 2009, für eine bahnbrechende Technologie wie Bitcoin, die großes Potenzial in sich trägt, also erst vor kurzer Zeit. Aufgrund dieser jungen Phase schwankt der Kurs tatsächlich noch stark, wir können jedoch sehen, dass diese Schwankungsbreite über die Zeit und mit zunehmender Marktkapitalisierung abnimmt. Die Bezeichnung „digitaler Inflationsschutz“ kommt daher, da langfristig eine praktisch unbegrenzte Menge an Fiat-Geld (Euro, Dollar, Yen …) einer begrenzten Menge an Bitcoin gegenübersteht.

Profitieren Kryptowährungen von einem Vertrauensverlust in klassische Währungen?
Zunächst einmal müssen wir Bitcoin und alternative Kryptowährungen getrennt betrachten. Im Gegensatz zu Bitcoin sind andere Kryptowährungen beispielsweise nicht in ihrer Menge begrenzt, stark zentralisiert oder nicht zensurresistent. Bitcoin nimmt in diesem Umfeld die Rolle des „Geldes“ ein, andere Kryptowährungen lösen andere technische Probleme – wenn überhaupt.
Bitcoin profitiert von einem Vertrauensverlust in klassische Währungen und bietet dabei auch erstmals eine ernstzunehmende Alternative in unserem digitalen Zeitalter. Verwenden wir klassische Währungen, sind wir abhängig von politischen Entscheidern: Neben der Ausweitung der Geldmenge können Transaktionen blockiert sowie Konten gesperrt werden. Bitcoin ist die „Demokratisierung“ des Geldes, wobei kein Vertrauen mehr gegenüber einer Drittpartei benötigt wird. Jeder mit Mobiltelefon und Internetanbindung kann daran teilhaben – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Einkommen.

Verändert sich die gesellschaftliche Rolle von Bitcoin hin zur privaten Absicherung?
Ich denke, es ist wichtig, bestimmte grundlegende technologische und ökonomische Eigenschaften von Bitcoin zu verstehen, bevor darin investiert wird. Für eine breite Masse wird es aber in Zukunft nicht notwendig sein, sich mit Bitcoin auf einer tiefen technologischen Ebene auseinanderzusetzen. Ähnlich wie es die wenigsten interessiert, wie eine SEPA-Überweisung im Hintergrund abgewickelt wird, muss nur das Wissen über die richtige Verwendung vorhanden sein.
Bitcoin bietet aufgrund seiner Eigenschaften ein System zur privaten Absicherung, theoretisch besser als beispielsweise unser jetziges Rentensystem. Da wir jedoch noch am Anfang stehen und nur wenige empirische Daten vorliegen, wird es seine Zeit dauern, bis Bitcoin als private Absicherung verwendet werden kann. Allerdings sollte Bitcoin im Moment nicht nur als Spekulationsobjekt angesehen werden, da das Thema viel weitreichender ist.

Entsteht mit Bitcoin eine neue Konkurrenz zum Goldmarkt?
Gold hat sich über die letzten 2000 Jahre aufgrund seiner Begrenztheit als Inflationsschutz sehr bewährt. Durch unsere heutige digitale Welt verändert sich bereits vieles. Auch dürfte Gold seine Bedeutung als globaler, machtneutraler Wertespeicher langfristig zugunsten von Bitcoin verlieren. Philipp Sandner, der leider früh verstorbene Gründer des Frankfurt School Blockchain Centers, sprach bei Bitcoin immer von „digitalem Gold“. Bitcoin hat für die digitale Welt bessere Eigenschaften als Gold: Es ist das knappste Gut der Welt, es ist machtneutral und muss nicht verifiziert werden. Online-Transaktionen können weltweit sehr günstig durchgeführt werden. Bitcoin hat das Potenzial, sich langfristig als globaler Wertespeicher durchzusetzen.

 

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 20.06.2026