kapitalanlage im wandel
Stuttgart. Technologische Disruption, geopolitische Verschiebungen und ein verändertes Verhalten insbesondere junger Anlegerinnen und Anleger stellen auch die Vermögensverwaltung vor neue Herausforderungen, leitet Moderator Heimo Fischer die Diskussion ein. Für Michael Höng (Höng Wealth Management GmbH) ist Veränderung allerdings kein neues Phänomen. „Die Vermögensanlage oder Anlage selbst ist eigentlich ein ständiger Veränderungsprozess“, sagt er. Besonders deutlich werde dies beim Blick auf die Zinsen. Noch 2020 seien Immobilien wegen der günstigen Finanzierung stark gefragt gewesen. Inzwischen habe sich die Situation grundlegend verändert. Höng rechnet langfristig mit noch höheren Zinsen und anhaltendem Inflationsdruck. Für die Kapitalanlage bedeute das, stärker darauf zu achten, die Kaufkraft des Vermögens zu erhalten.Tillmann Speck (Plan F Finanzdienstleistungen GmbH) warnt dagegen davor, die gegenwärtigen Krisen als historisch einmalig zu betrachten. „Zu jedem Zeitpunkt“ entstehe der Eindruck, dass die Lage noch nie so schwierig gewesen sei. Entscheidend sei daher, Vermögen nicht von einzelnen Regionen, Branchen oder Unternehmen abhängig zu machen. Gerade in der Region Stuttgart sieht er Konzentrationsrisiken: Unternehmer hätten ihr Vermögen häufig im eigenen Unternehmen und in regionalen Immobilien gebunden, während das Wertpapierdepot vergleichsweise klein sei. Seine Konsequenz lautet: „Diversifikation.“ Dabei müsse die Streuung deutlich weiter gehen als über einen einzelnen weltweiten Aktienindex.
Die Experten des Round Tables: (von links)
Tiemo Kobera (SWM.N), Christian Hintz
(Christian Hintz Vermögensverwaltung
GmbH), Tillmann Speck (Plan F Finanzdienstleistungen GmbH), Michael Höng
(Höng Wealth Management GmbH) und
Moderator Heimo Fischer.
Auch Christian Hintz (Christian Hintz Vermögensverwaltung GmbH) hält eine breite Aufstellung für entscheidend. Gleichzeitig misst er dem technologischen Wandel eine besonders große Bedeutung bei. Künstliche Intelligenz sei aus seiner Sicht nicht lediglich der nächste vorübergehende Anlagetrend. „Diesmal ist es anders, das wird die Welt komplett verändern“, sagt er. KI könne langfristig zahlreiche wirtschaftliche Prozesse grundlegend verändern. Für Anleger stelle sich deshalb die Frage, welche Unternehmen von dieser Entwicklung profitieren und welche Gefahr laufen, technologisch zurückzufallen.
Wenn Investieren zum Alltag wird
Parallel zur technologischen Entwicklung verändert sich das Verhalten der Anleger. Aktien und ETFs lassen sich heute innerhalb weniger Minuten über das Smartphone kaufen. Besonders jüngere Menschen nutzten diese Möglichkeiten im Alltag ganz selbstverständlich, beobachtet Christian Hintz. Einfachheit bedeute jedoch nicht automatisch, dass Risiken richtig eingeschätzt würden. „Es ist alles sehr einfach, man braucht nur ein bisschen klicken“, sagt er. Wo die Risiken lägen, werde dabei mitunter übersehen.
Michael Höng sieht noch einen weiteren Effekt. Viele junge Anleger hätten in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen an den Börsen gemacht. Das könne dazu verleiten, die Entwicklung der Vergangenheit einfach fortzuschreiben. „Die schauen in den Rückspiegel und denken, das wird in Zukunft genauso sein.“
Gerade nach langen Phasen steigender Kurse könne sich das jedoch als Fehleinschätzung erweisen. Ähnliche Annahmen habe es zuvor etwa bei nachhaltigen Investments gegeben.
Tillmann Speck glaubt ebenfalls, dass persönliche Beratung insbesondere dann wieder an Bedeutung gewinnen kann, wenn größere Vermögen im Spiel sind. Die Erfahrung aus früheren Generationen digitaler Handelsangebote zeige, dass selbst Anleger, die ihr Depot jahrelang erfolgreich allein geführt hätten, bei plötzlich verfügbaren größeren Summen Beratung suchten. Für unabhängige Vermögensverwalter stelle sich dennoch die Herausforderung, auch die nächste Generation zu erreichen.
Moderator Heimo Fischer führte durch die Diskussion im Pressehaus Stuttgart
Michael Höng
Künstliche Intelligenz als Werkzeug
Grundsätzlich verändert KI nicht nur die Unternehmen, in die investiert wird, sondern längst auch die Arbeit der Vermögensverwalter selbst. Christian Hintz nutzt KI unter anderem im Research und Risikomanagement. Systeme sollen dabei helfen, Markt- und Technologieführer zu identifizieren und frühzeitig zu erkennen, welche Geschäftsmodelle durch neue Technologien unter Druck geraten könnten. „Wir sehen uns da ein bisschen wie so ein Bodyguard. Wir müssen die Portfolios der Kunden schützen“, beschreibt er die Aufgabe der Vermögensverwaltung.
Entscheidend sei laut Tillmann Speck setzte KI-Agenten ein, um frühzeitig Marktschwankungen festzustellen. Gesucht würden robuste Unternehmen mit einem möglichst starken Geschäftsmodell. KI könne große Datenmengen und Zusammenhänge analysieren, die für Menschen kaum noch überschaubar seien. Die endgültige Anlageentscheidung werde dadurch jedoch nicht automatisch getroffen.
Michael Höng verfolgt einen anderen Ansatz. In seiner individuellen Vermögensverwaltung kommt KI vor allem zum Einsatz, um Prozesse zu beschleunigen. Veränderungen von Investmentstrategien müssten mit den Kunden abgestimmt werden. Ein eigens entwickeltes KI-gestütztes Programm solle dabei helfen, diese Abläufe effizienter zu gestalten – insbesondere dann, wenn schnelle Reaktionen auf Marktveränderungen erforderlich seien.
Mensch bleibt Teil der Entscheidung
Trotz aller technischen Möglichkeiten sehen die Vermögensverwalter die persönliche Beziehung zum Kunden weiterhin als wesentlichen Bestandteil ihrer Arbeit. Christian Hintz ist überzeugt, dass Anleger auch künftig jemanden suchen werden, der Entscheidungen einordnet und Verantwortung übernimmt. Tillmann Speck sieht gerade in der langfristigen Begleitung einen Unterschied zu manchen größeren Finanzinstituten. Er berichtet von einem Kunden, den er bereits seit 1992 betreut.
Über Jahrzehnte entstehe dadurch eine enge Beziehung und ein tiefes Verständnis für die persönliche und finanzielle Situation. „Im Grunde habe ich den Kunden sein ganzes Leben begleitet“, sagt er.
Vermögensverwaltung bedeute damit auch Begleitung verschiedener Lebensphasen und Generationen. Für Michael Höng zeigt sich der Wert professioneller Vermögensverwaltung zudem in schwierigen Marktphasen. Privatanleger hielten häufig an Verlustpositionen fest, weil sie einen Verkauf im Minus vermeiden wollten. Ein Vermögensverwalter müsse dagegen bereit sein, eine Position auch mit Verlust zu verkaufen, wenn sich die Aussichten grundlegend verschlechtert hätten.
Stark unterschiedliche Meinungen zeigten sich vor allem bei einzelnen Anlageklassen. Besonders bei Gold gingen die Einschätzungen auseinander. Tillmann Speck sieht darin langfristig keine überzeugende Kapitalanlage und verweist unter anderem auf den fehlenden laufenden Ertrag. Michael Höng bewertet Gold dagegen als möglichen Wertspeicher und sieht auch Bitcoin aufgrund seiner begrenzten Menge als Stärke in der Geldanlage. Christian Hintz wiederum betrachtet Gold insbesondere für Staaten als potenzielle Liquiditätsreserve in geopolitischen Krisen. In einem Punkt lagen die drei Vermögensverwalter am Ende dennoch nahe beieinander: Vermögen sollte möglichst breit aufgestellt sein. Christian Hintz rät, „global zu investieren und Vermögen so breit wie möglich zu streuen.“ Tillmann Speck ergänzt neben der globalen Diversifikation den Blick auf Kosten und möglichst geringe Handelsaktivität. Michael Höng stellt den Kaufkrafterhalt in den Mittelpunkt und setzt dabei vor allem auf weltweit gestreute Aktien qualitativ starker Unternehmen.
Für Moderator Heimo Fischer war gerade die Kontroverse eine wesentliche Erkenntnis des Round Tables. Eine „ultimative Wahrheit“ gebe es bei der Kapitalanlage nicht. Vieles müsse weiterhin „im Gespräch von Mensch zu Mensch“ geklärt werden. In einer Finanzwelt, in der Technologie das Investieren immer einfacher macht, könnte genau darin auch künftig die Aufgabe unabhängiger Vermögensverwalter liegen.